Alte Fliesen neu verwenden – Rettung antiker Fliesen mit Benedicte Querton

Viele antike Fliesen landen beim Abriss und der Sanierung alter Gebäude auf dem Müll. Obwohl sie wiederverwendet werden könnten! Benedicte Querton rettet antike Fliesen und hat mit uns über ihre Arbeit gesprochen: Worauf sollte man beim Aus- und Wiedereinbau antiker Fliesen achten? Gibt es spezielle Tricks, um Bruch zu vermeiden? Sind alte Fliesen nachhaltiger als neue? Im Interview erfahren wir mehr!

Alte Fliesen wiederverwenden, geht das überhaupt? Ja! Wir stellen euch die Retterin der antiken Fliesen im Interview vor: Benedicte Querton ist die Gründerin von House of Q in Wien. Sie arbeitet mit wiedergewonnenen antiken Fliesen. In Kombination mit Upcycling-Holz und Metall entstehen so einzigartige Designs für bewusst nachhaltige Innenarchitektur. Ein Mix aus Tradition und Moderne, der Ressourcen schont!

Wie kamst du auf die Idee alte Fliesen zu retten und wiederzuverwenden?

Ich war schon immer in antike Fliesen verliebt und mit den Händen tätig. Wenn die Haustür eines alten Hauses offen stand bin ich reingegangen und habe die Schönheit der Fliesen bewundert. Auf einer Reise nach Spanien hatte ich die Idee, Tischplatten mit alten Fliesen zu machen. Also nahm ich ein paar schwere Wandfliesen aus Sevilla im Handgepäck mit nach Hause. Zurück in Wien fing ich dann an auch hier zu suchen und nach ein paar Monaten stapelten sich die gesammelten Fliesen!

Meine ursprüngliche Idee war, die Tische auf alte Nähmaschinengestelle zu setzen. Jetzt arbeite ich aber mit “Hairpin legs” im Stil der 50er/60er Jahre für einen modernen Look. Die Tischbeine müssen was aushalten können, weil die Fliesen sehr schwer sind. Dafür arbeite ich mit hochwertigem Material von einem englischen Hersteller.

Benedicte Querton in ihrem Atelier in Wien. Mit den historischen Fliesen aus der Gründerzeit fertigt sie u.a. Upcycling-Tische.

Worauf achtest du bei der Auswahl der Fliesen und der Materialien für deine Designs?

Erstmal muss ich sagen: Die Suche nach alten Fliesen richtet sich nach den gerade verfügbaren Mustern. Es ist nicht wie ins Bauhaus zu gehen und eine bestimmte auszuwählen. Wenn ich rausgehe kann ich nicht sagen “ich suche jetzt eine Fliese in rot-weiß”. In manchen Monaten finde ich gar keine Fliesen und es gibt Zeiten, wie in den letzten paar Wochen, da habe ich extrem viele Fliesen gefunden.

Ich schaue dann, ob mir die Muster und Farben gefallen. Manche Kunden möchten eine bestimmte Fliese, weil sie sie an die Wohnung der Oma erinnern und ich suche dann danach. Viele sind beige, braun und in gebrochenem weiß. Das ist auch schön, aber ich muss die Leute begeistern. Es kommt aber kaum vor, dass ich “diese Fliese nehme ich nicht” sage. Was nicht meins ist, mag ja vielleicht für jemand anders hübsch sein.

Weiterhin ist der Zustand sehr wichtig. Die Fliesen sind ungefähr 1,5cm dick, aber nach über 100 Jahren biegen sie sich leicht nach oben oder unten – sie bekommen manchmal eine unebene Oberfläche, was es schwierig machen kann einen geraden Tisch zu bauen. Wenn der Zustand zu schlecht ist, kann ich sehen dass sie im Reinigungsprozess brechen werden – zum Beispiel die Ecken. Dann kann ich sie nicht mehr verwenden.

“Die Suche nach antiken Fliesen richtet sich nach den gerade verfügbaren Mustern. Es ist nicht wie ins Bauhaus zu gehen und eine bestimmte auszuwählen!”

Benedicte Querton (House of Q)

Wie findest du die antiken Fliesen?

Ich schaue wo es Baustellen gibt. Mittlerweile habe ich ein gutes Gefühl dafür, wenn ich ein Gebäude sehe, ob schöne Fliesen drin sind oder nicht. Wenn renoviert wird, gehe ich rein und spreche mit den Leuten darüber was dort geplant ist. Manchmal haben sie die Fliesen schon weggeworfen und ich frage, ob ich sie nehmen darf. Oder ich spreche mit der verantwortlichen Person und wir machen was aus. Ein anderer Weg sind die Kleinanzeigen – auf Online-Märkten werde ich regelmäßig fündig. Manchmal sind es nur ein paar Stück, manchmal mehrere Quadratmeter. Sehr erfolgreich ist Mundpropaganda. Man kennt immer jemand, der jemanden kennt der gerade renoviert und vielleicht Fliesen hat. In etwa 50% der Fälle nehme ich die Fliesen selbst raus. Das ist ein Gewinn für die Leute, weil sie es dann nicht selbst tun müssen. Manchmal sagen sie “du hast 24h und dann kommt der Bagger”, dann muss ich sehr schnell sein. Ab und an gibt es auch einen Tisch im Austausch für die alten Fliesen.

Wie sieht dein Arbeitsprozess aus? Wie läuft das ab, wenn du Fliesen ausbaust und aufbereitest?

Ich kann nie im Voraus sagen, wie ich die Fliesen rausnehme. Die meisten Leute wissen nicht, was unter den Fliesen ist. Bei etwa einem Drittel der Flächen wurden die Fliesen in einem Sandbett verlegt und sind mit einer Fliesenfuge von damals verklebt. Es ist aber sehr schwierig, in so eine Struktur ohne festen Untergrund von 20-30qm Fliesen reinzukommen, die dort schon seit über 100 Jahren liegen. Manchmal muss ich die ersten Reihen Fliesen mit dem Hammer zerschlagen um unter die anderen zu kommen. Ich habe natürlich auch ein Flex-Handgerät, mit dem ich ein bisschen zwischen die Fliesen schneiden kann. Für die harten Fälle habe ich eine größere Maschine: die hat einen Meißel am Ende, mit dem ich versuche unter die Fliesen zu kommen und die Struktur zu lösen. Die Fliesen im Sandbecken sind eine große Herausforderung, es braucht mehrere Tage und ist körperlich sehr anstrengend. Die ersten paar Stunden sind dabei die schwierigsten. Wenn die Struktur erstmal geöffnet ist, läuft es gut, weil sie nur aneinander hängen und nichts unter der Fliese klebt.

Andere Untergründe sind Mischungen aus Kies, Mörtel und Sand. Da hängen Klumpen an den Fliesen, wenn man sie rausnimmt. Sie sind extrem schwierig zu reinigen. Am besten ist es in Privathäusern – dort hatte man sich mehr überlegt und es gibt einen harten Untergrund, Beton oder ähnliches. Dort kann man sie mit der Hebekraft und dem entstehenden Unterdruck raushebeln. In 99% der Fälle reinige ich die Unterseite der Fliese durch Klopfen mit Hammer und Meißel. Dabei muss man sehr aufpassen. Es ist eine Erfahrungsfrage, mittlerweile habe ich das richtige Feingefühl dafür wie hart ich schlagen kann ohne dass die Fliese bricht. Danach reinige ich die Oberfläche und die Seiten. Nach der manuellen erfolgt dann die chemische Reinigung. Ich bin ursprünglich Chemieingenieurin und habe eine passende Mischung entwickelt, die sehr effektiv ist. Angefangen mit Apfelessig habe ich dafür alles mögliche mit Haushaltsprodukten ausprobiert. Das Ergebnis ist natürlich mein Geheimnis.

Vorher: Benedicte Querton bei der Arbeit. Das Ausbauen der alten Fliesen mit Hammer und Meißel erfordert Geschick und Fingerspitzengefühl.

Nachher: Der „Schatz“ antiker Fliesen!

Mit welchen Herausforderungen hast du zu kämpfen?

Eine Herausforderung ist natürlich die schwere körperliche Arbeit beim Rausstemmen. Vor allem wenn ich alleine bin ist das nicht zu unterschätzen. Ich bin nur ein 1-Person-Unternehmen und manchmal bieten mir die Leute Fliesen in Mengen an, die ich nicht annehmen kann. Ich kann nicht 40qm von einem Muster kaufen – was mache ich mit dem Rest? Ich habe kein so großes Lager oder die Fahrzeuge dafür. Große Mengen zu verarbeiten ist nicht möglich für mich und das ist manchmal wirklich sehr schade.

Auch der Reinigungsprozess ist sehr zeitaufwändig. Wenn man die Fliesen wieder auf dem Boden verlegen möchte, müssen sie sehr sauber sein und man muss diesen Prozess gründlich durchziehen. Außerdem ändern sich die Fliesen mit der Zeit. Sie sind nicht aus einer modernen industriellen Produktion und alle ein bisschen anders. Eine ist ein bisschen dicker, eine andere ein bisschen kleiner…

Gibt es rechtliche Rahmenbedingungen, die beim Wiederverwenden von Fliesen beachtet werden müssen?

Für Bodenfliesen gibt es eine Regelung, dass sie zu einem bestimmten Grad rutschfest sein müssen. Das sind die antiken Fliesen natürlich nicht – wenn sie nass werden, können sie rutschig werden. Deswegen rate ich von einem Einbau im Duschbereich ab. Für den Einbau im Eingang gibt es dafür keine Regelungen. Man kann sie auch als Bordüre in der Küche verwenden. Man kann sich unterschreiben lassen, dass die Fliesen nicht nach heutigen Standards hergestellt wurden und nicht rutschfest sind. Damit übergibt man die Verantwortlichkeit den KundInnen. Für die Wiederverwendung von anderen Bauteilen gibt es sicher auch andere Regelungen für Privathäuser. Ich glaube aber wirklich, dass in der eigenen Wohnung viel wiederverwendet kann. Es muss nur klar sein, dass antike Fliesen nicht als Duschboden verlegt werden können!

Es gehen sicher auch einige Fliesen kaputt. Hast Du einen Tipp oder eine bestimmte Methode, um dem vorzubeugen?

Ja! Als erstes würde ich schauen dass die Fliese keine Risse hat. Manchmal denkt man sie sieht super schön aus, man muss sich aber Zeit nehmen, die Fliese auch von allen Seiten zu checken, nicht nur an der Oberfläche. Wenn man sucht, sieht man wo Risse entstanden sind. Beim Reinigen gehen sie sonst kaputt. Bei mir ist das mittlerweile sehr selten. Sie brechen nur noch wenn ich Mörtel übersehen habe und darunter Risse waren.

Wenn man einen Haufen Fliesen erwirbt haben sie sehr wahrscheinlich alle ähnliche Eigenschaften. Das muss man sich genau anschauen und prüfen. Es gibt keinen generellen Trick, außer Geduld und Vorsicht. Beim Rausstemmen und Reinigen würde ich eher langsam anfangen und ein Gefühl dafür bekommen wieviel Kraft man dafür braucht. Ich bin besser geworden mit der Zeit. Man findet auch heraus, wie man die Fliesen am besten hält. Man muss es einfach ausprobieren und sich keine Sorgen machen wenn 1-2 Fliesen kaputt gehen. Es braucht wirklich Zeit und Geduld – das ist der Schritt der am meisten unterschätzt wird.

“Es gibt keinen generellen Trick, außer Geduld und Vorsicht.”

Benedicte Querton (House of Q)

Worauf sollte man beim Einbau der antiken Fliesen achten?

Die antiken Fliesen sind natürlich viel schwieriger zu verlegen und relativ klein im Vergleich zu den Bodenfliesen heutzutage. Sie sind standardmäßig nur etwa 17x17cm groß, sehr dick und schwer. Wenn man überlegt die alten Fliesen zu verwenden sollte es relativ früh im Renovierungsprozess sein, weil der Estrich dementsprechend vorbereitet sein muss. Die heutigen Bodenfliesen sind nicht so dick wie die antiken. Der Boden muss also tiefer sein, damit die Fliesen auf gleicher Höhe wie z.B. das Wohnzimmer sind. 1cm Höhenunterschied kann wirklich zu Problemen führen. Die Tiefe des Bodens nicht zu berücksichtigen ist der häufigste Fehler.

Wenn man einen schönen alten Fliesenboden hat, und bei mir die gleichen Fliesen findet, besteht auch die Möglichkeit nur die einzelnen kaputten Fliesen auszutauschen. Das ist leichter, weil der Boden entsprechend hoch oder tief ist und für solche Fliesen vorbereitet. Wer Handwerkserfahrung besitzt, kann das sogar alleine machen.

Bei größeren Flächen muss einem klar sein, dass nicht alle Fliesen gleich hoch oder tief sind und es Abweichungen in der Größe und Farbgebung gibt. Man sollte also genügend extra Fliesen haben, damit man aussuchen kann welche da am besten passen. Mehr als die übliche Menge für Zuschnitt!

Ich muss auch sagen, die heutigen FliesenlegerInnen sind nicht immer motiviert mit den alten Fliesen zu arbeiten. Wenn man es wirklich möchte, empfehle ich deswegen erst mit den FliesenlegerInnen zu sprechen, ob sie das machen würden und damit Erfahrung haben (das sind die wenigsten, aber alles hat einen Preis!). Eine/n richtig gute/n Fliesenleger/in zu finden braucht mehr Zeit, ist aber Gold wert.

Was kannst du uns zu neu produzierten Fliesen erzählen? Können sie so ausgebaut und wiederverwendet werden wie die antiken Fliesen? Wie umweltfreundlich sind sie im Vergleich?

Ich gehe auch mal “container diving” für Fliesen. Vor ein paar Wochen habe ich mit meinem Mann ein paar schöne antike Bodenfliesen gerettet und habe dann mit den Handwerkern im Haus gesprochen. Es stellte sich heraus, dass sie fast 100 Quadratmeter alte Fliesen wegwarfen. Das schlimmste daran ist: sie haben neue Fliesen mit dem alten Muster und im gleichen Farbton verlegt und dafür die alten rausgeschmissen!

Diese neuen Fliesen werden anders als damals hergestellt, die Qualität ist somit unterschiedlich. Die alten Fliesen sind aus Ton oder Keramik, die neuen werden zumeist aus Zement gemacht. Wenn man sie nach dem Verlegen nicht noch versiegelt, werden sie porös und bekommen Löcher. Eine Schwierigkeit beim Wiederverwenden der neu produzierten Fliesen ist, dass sie so dünn sind. Ich vermute, dass sie leicht brechen wenn man versucht sie rauszunehmen. Manche Fliesen, z.B. im marokkanischen Stil sind auch relativ dick, aber aus Zement und die Oberfläche ist ohne Versiegelung nicht geeignet. Die müsste man nach dem Rausstemmen eventuell noch einmal versiegeln, was ein weiterer Schritt ist und pure Chemie. Zusätzlich muss man die neu produzierten Fliesen noch transportieren. Die meisten kommen aus Marokko oder Südspanien. Das ist sicher nicht umweltschonend. Es ist also auch ein großer Aufwand, neue Fliesen zu verlegen. Ich frage mich: wenn man so viele Schritte macht, wieso nimmt man sich dann nicht die Zeit um die alten Fliesen zu reinigen?

“Es ist auch ein großer Aufwand, neue Fliesen zu verlegen. Ich frage mich: wenn man so viele Schritte unternimmt, wieso nimmt man sich dann nicht die Zeit um die alten Fliesen zu reinigen?”

Benedicte Querton (House of Q)

Was gefällt dir an deiner Arbeit besonders?

Es macht mir wirklich Spaß die Fliesen zu suchen und dann zu finden. Das ist ein bisschen wie eine Schatzsuche. Dazu kommt, dass die Leute die sie mir geben oder verkaufen immer sehr viel über die Fliesen zu erzählen haben.

Mir gefällt die Geschichte des Materials. Die Fliesen sind über 100-150 Jahre alt und manche wurden schon mehrmals, sogar 3 mal wiederverwendet! Wenn man dann bei mir bestellt oder kauft, kriegt man die genaue Adresse der Herkunft der Fliese und für jede Fliese gibt es einen Namen. Ich habe ein lokales Projekt und verkaufe Wiener Geschichte in Wien. Das schätzen die Leute auch sehr.

Die Lieblingsfliese: Das Muster „Rising sun“ diente als Vorlage für das Logo von House of Q.

Zum Schluss: gibt es ein schönes Projekt, das Fliesen oder andere Bauteile wiederverwendet und dich besonders inspiriert hat?

Ja, es gibt viele Projekte aber leider nur wenige Infos zur Geschichte der antiken Fliesen im Allgemeinen. Ich habe zum Beispiel das Kunsthistorische Museum Wien kontaktiert, um mehr über die Fliesen zu erfahren. Leider haben sie auch nur extrem wenig Informationen über die Bodenfliesen der Gründerzeit. In einem Zeitungsartikel habe ich von einer anderen Person hier in Österreich gelesen, die gerne ein Museum für Bodenfliesen eröffnen möchte. Das ist extrem interessant für mich. Es gab damals mehrere Hersteller von Fliesen, heutzutage ist davon glaube ich nur noch eine Brennerei aktiv und jetzt mit Ziegeln tätig. Ich habe mir vorgenommen, sie mal nach ihrem Archiv zu fragen und mehr über die damalige Produktion herauszufinden. Das ist mein Projekt für die Zukunft.


Dies ist der Auftakt zu einer Reihe von Interviews mit Expert*innen in der Wiederverwendung von Baustoffen. Wir möchten euch inspirieren mit geretteten Baustoffen zu arbeiten und zeigen euch wie es geht! Das Wissen zur Wiederverwendung von Baumaterial ist Voraussetzung für kreislaufgerechtes Bauen. Auf dem Restado Blog findet ihr weitere Interviews und Artikel.

Herzlichen Dank für das Interview im Sommer 2020! Die aktuell verfügbaren House of Q Fliesen findet ihr natürlich auch auf restado.de/house-of-q!


Die historischen Fliesen sind Originale aus der Zeit von 1870 bis 1920 und sehr gut erhalten. Die alten Fliesen haben typischerweise die Maße 17x17x 1,8cm, sind gereinigt und können unmittelbar weiterverwendet werden.

Kontakt House of Q:

Benedicte Querton
Workshop & Showroom, Atelier Mooi
Rembrandtstrasse 31
1020 Wien
Österreich
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+43 699 1038 9229
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